Mit Musical durchs Abitur

MIT EINEM MUSICAL DAS ABITUR BESTEHEN

Der ExteraTipp in Kassel berichtet am 28. Oktober 2017 von der 18jährigen Lea-Sophie Pudenz. Sie entwickelt ein Musicalprojekt, studiert es ein und hat damit das mündliche Abitur besiegelt!

Wen wundert es da, wenn die Bildung in Deutschland im internationlaen Vergleich immer schlechter abschneidet! Der Vergasser hat die Aufführung nicht gesehen und kann die auch nicht beurteilen, aber einige Anmerkungen und Fragen müssen erlaubt sein:

  • Das Abitur bescheinigt die allgemeine Hochschulreife, das heißt die Grundlagen zur Befähigung zu wissenschaftlichem Arbeiten, analytischem Denken - eine Grundlage für weitere gehobene Ausbildung wird bescheinigt. Das ist nicht elitär gemeint, sondern soll helfen, sich auf auf die Grundgedanken des Abiturs zu besinnen. Ich erinnere mich: Ist eine Note unklar, kann die mündliche Prüfung, also das Abfragen von Wissen den Ausschlag geben, ob die Note nach oben oder nach unten geht. Dafür lernt man.
  • Wenn man RegisseurIn werden will, absolviert man ein zielführendes Studium oder eine Ausbildung. Da bekommt man das Rüstzeug, lernt das Handwerk. Ist es wirklich das Ziel unserer Bildungs-Verantwortlichen, ohne die notwendigen Ausbildungen und Lernprozesse eine Arbeit entstehen zu lassen, aufgrund derer die Allgemeine Hochschulreife anzuerkennen? Nach welchen Kriterien kann dieses Bildungsziel beurteilt werden?
    • Die Frage gilt auch dann, wenn man erkennt, daß dies nur ein Teil einer Gesamtprüfung ist. Denn die Problematik bleibt bestehen.
    • Sicher - Organisation, Verhandlungsgeschick, konzeptionelles Denken sind nur einige Bereiche, die die AbsolventIn im Zuge ihrer Arbeit nachweist. Das ist alles lobenswert, entkräftet aber nicht die grundsätzlichen Bedenken, die sich ja auf die Grundgedanken einer Abiturprüfung beziehen.
  • Laienspiel, Liebhabertheater, Jugendtheatergruppen - alles hat seine Berechtigung. Wertvolle Arbeiten können bestehen, die durchaus neben dem professionellen Theater bestehen können und sollen. Für die einen ist es ein wunderschönes Hobby, für die anderen die Grundlage, den Lebensunterhalt zu verdienen. Davor stehen Jahre der Ausbildung, für die man echt hart arbeiten muß.
  • Darstellendes Spiel als gut konzipiertes Fach im Stundenplan. Das hat zumeist nichts mehr zu tun mit dem Lehrer, der sich mal mit Bühnenarbeiten präsentieren möchte. Die Pädagogen leisten wertvolle Arbeit Da muß es nicht nur um hohe künstlerische Qualität gehen. Man kann Rollenverhalten vertiefen, ein sicheres Auftreten trainieren, Literaturkenntnisse vermitteln, soziale Kompetenzen erlernen, Sprache neu und spannend erleben, und, und, und... Die Pädagogen - sei es in der Schule, sei es in Theatern - leiten die SchülerInnen an, geben Hilfestellung, weisen auf Konflikte hin. Kurz: Das ist konzipiert, angeleitet und zielführend. Lea-Sophie Pudenz hat diese Unterstützung nicht. Das sorgt doch für große Abstriche vom pädagogischen Wert, auch wenn ich einschränken muß, daß mir die Arbeitsweise und die Unterstützung seitens der Schule nicht bekannt ist.

IIch erinnere mich als ich vor einem Jahr mit einer Kasseler Schauspielschule zu tun hatte und mit den Betreibern in Streit geriet. Da stand doch in den ersten Monaten auf dem Stundenplan: “eigenständige Arbeit an einer Rolle”. Wie sollte das gehen? habe ich gefragt. Denn erst muß der Absolvent ja lernen, wie man an eine Rolle herangeht, bevor man das eigenständig versucht. Und dann: Die Ausbildung soll zur Ausübung eines Berufs befähigen. Wenn ich in späteren Semestern dem Fach auch einen gewissen Sinn bescheinigen kann - in der Regel hat man einen Regisseur und arbeitet nicht alleine und orientierungslos oder nach eigenem Gutdünken an einer Rolle! Niemand in der Schule konnte mir das “Fach” schlüssig erklären. Vielleicht war es Ausdruck von Mangel an Geld, Mangel an Sachverstand oder Mangel an der eigenen Motivation, sich zu engagieren. Wie auch immer - so sollte man nicht mit dem Nachwuchs umgehen, gleich in welcher Branche!

In vielen Bereichen unseres Lebens fehlen qualifizierte Arbeitskräfte. Die müssen wir oft aus dem Ausland holen. Das ist nicht rassistisch gemeint - im Gegenteil! Was sollen wir anderes tun, wenn wir uns um den Nachwuchs nicht kümmern. Traurig aber, wenn unser Bildungsniveau sinkt. Und durch Abiturprüfungen wie “Musical” wird das Niveau gewiß nicht angehoben. Das ist nicht fortschrittlich, das ist nicht modern. Das ist irgendwie peinlich. (JF), 29.10.2017

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